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Film ab: Sonntags gegen Mittag, gepflegte Bürgerlichkeit in einem Einfamilienhaus am Rande einer deutschen Großstadt - zwei Mittzwanziger sitzen im Schlafanzug, mit Bartstoppeln und von „gestern“ verquollenen Augen, mit ihren Eltern beim Brunch. Die Auswahl lässt keine Wünsche offen, die Mutter hat für jeden etwas Leckeres eingekauft, die Stimmung ist locker, vom Generationenkonflikt keine Spur. Nach dem Essen legen sich die Jungs in ihrem Dachgeschoss noch eine Runde aufs Ohr, um sich von der anstrengenden Studienwoche und der letzten Partynacht zu erholen. Die Mama räumt währenddessen die Spülmaschine ein und zieht sich dann mit Mann und Hund in den Garten zurück. Die Deutschen werden immer früher flügge? Falsch: In vielen Haushalten steht Hotel Mama bei jungen Erwachsenen wieder hoch im Kurs.
Nesthocken ist männlich
Während 1972 im früheren Bundesgebiet nur ein Fünftel der 25-Jährigen bei den Eltern lebte, sind es über 30 Jahre später im Westen Deutschlands mehr als ein Viertel, die glücklich und zufrieden und vor allem immer länger bei Mama und Papa leben Tendenz vor allem bei den Söhnen steigend. Laut Statistischem Bundesamt lebt im Alter von 20 Jahren gut 82 Prozent der männlichen Bevölkerung im Elternhaus. Mit 30 Jahren 14 Prozent und mit 40 Jahren immerhin noch 4 Prozent. Zum Vergleich: Bei den Töchtern sind es nur 5 Prozent, die mit 30 noch zu Hause wohnen. Die Gründe für das späte Ausziehen sind vielfältig. Zum einen ist der familiäre Zusammenhalt heute anders: Familie gilt nicht mehr als spießig und verstaubt wie noch in den 70er Jahren, sondern bietet einen sicheren Hafen in Zeiten zunehmender Desorientierung. Eltern lassen ihren Kindern heutzutage viele Freiheiten, die vor 35 Jahren noch undenkbar waren. Zum anderen gibt es lange Ausbildungs- und Studienzeiten, schwierige Wohnsituationen in studentischen Ballungsgebieten, unbezahlte Praktika, Zeitarbeitsverträge, Arbeitslosigkeit oder aber schlicht und einfach Bequemlichkeit und gestiegene Ansprüche. Selbstverwirklichen und Ausziehen? Ach später, wenn die Freundin/Frau einem im Haushalt den Rücken freihält ...
Mama wird’s schon richten
Die Nesthocker von heute genießen es, Mamas Liebling zu sein und mit elterlicher Vollkasko-Versicherung und Vollpension versorgt zu werden. Die Zimmer sind sauber, ohne dass man selbst den Staubsauger bemühen muss. Die Wäsche liegt frisch gewaschen und gebügelt im Schrank. Der Kühlschrank ist voll, das warme Essen steht dann auf dem Tisch, wenn es am besten in den eigenen Vorlesungsplan passt. Und Mama kennt die Lieblingsspeise, schließlich kocht sie sie seit vielen Jahren. Apropos Kochen: Natürlich achtet sie auf die Zutaten, frisches Gemüse, gute Öle und Abwechslung auf dem Speisenplan welche Mensa kann da mithalten? So gehätschelt können Nesthocker sich mit Inbrunst ihrer Entwicklung widmen, ungestört vom realen Leben, das vor Mamas Haustür auf sie wartet.
Muttertag ist wieder „in“
Kein Wunder, dass vor diesem Hintergrund der Muttertag als Institution wieder an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnt. Knapp hundert Jahre nach seiner Einführung finden 80 Prozent der Deutschen einer aktuellen Umfrage zufolge den Muttertag „trendy“. Vor allem unter jungen Menschen findet es die überwiegende Mehrheit richtig, dass einmal im Jahr die Mutter geehrt wird. Und besonders bei Männern kommt der Tag gut an bei Söhnen wie Ehemännern gleichermaßen. Psychologen erklären dies mit einem latent schlechten männlichen Gewissen, das am Muttertag beruhigt werden kann. Denn „viele Männer haben Schuldgefühle, weil sie wissen, dass die Frauen den Löwenanteil der Hausarbeit leisten“, so die Psychologin Christiane Papastefanou. Was die meisten aber nicht daran hindert, nach dem Muttertag die Serviceleistungen an 364 weiteren Tagen gerne in Anspruch zu nehmen.
Investition in die Zukunft
Viele Nesthocker käme ein Auszug aus dem komfortablen Hotel Mama teuer zu stehen. Wer eine eigene Wohnung und das tägliche Leben finanzieren muss, kann sich keine teuren Hobbys, ausgiebige Reisen oder das neueste Auto leisten. "So habe ich definitiv mehr Geld zur Verfügung", bestätigt der 23-jährige Daniel aus Meerbusch, „das kann ich für schöne Dinge ausgeben, zum Beispiel für einen tollen Blumenstrauß denn Mama ist schließlich die Allerbeste nicht nur am Muttertag!“
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